Der Weihnachtsmann gibt niemals auf

absurdistan von Manuela Klucken

Wie jedes Jahr um diese Zeit, herrscht in Himmelspforten Hochbetrieb. Der große rote Weihnachtsschlitten hat den Sicherheitscheck schon hinter sich und steht wartend vor dem Haus des Weihnachtsmannes. Es sind längst nicht alle Puppen, Teddys, Autos, Roller, Game Boys, Handys und vieles mehr, was sich auf den Wunschlisten der Kinder findet, vollständig, aber der Weihnachtsmann beginnt schon einmal damit, den Schlitten zu beladen. Paket um Paket steckt er in große Jutesäcke und befestigt sie auf seinem großen Weihnachtsschlitten. Bald soll es losgehen.

Dann geht er zum Stall, um seine Rentiere noch ein letztes Mal am baugleichen blauen Übungsschlitten zu trainieren. Er weiß, welche Verantwortung auf ihm lastet. Jedes einzelne Tier kennt er beim Namen, hat es ausgebildet und er weiß genau, an welcher Stelle im Gespann er welches Tier einspannen und lenken kann. Der Weihnachtsmann öffnet die Stalltür und schnell wird ihm klar, dass alle Rentiere dieses Jahr ausfallen würden. Überall niest und hustet es, zitternd liegen die Tiere im Stroh. Sie sehen wirklich elend aus. Liebevoll streichelt der Weihnachtsmann Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donner, Blitzen und Rudolph. Er gibt jedem Tier eine starke Himmelmedizin, aber er weiß, dass sie nicht rechtzeitig bis zum Heiligen Abend gesund werden würden.

Sorgenvoll geht er zum Haus zurück. Wo soll er bloß so schnell ein Gespann her bekommen. Plötzlich hört er Gelächter und sieht sechs Wichtel, die auf Brettern stehen. Jeder Wichtel hält eine Leine in der Hand und lässt sich von einem Wolkenhusky ziehen.

„Das ist es“, denkt der Weihnachtsmann. Schnell ruft er die Wichtel heran und erklärt ihnen seinen Plan. Die Wichtel sind begeistert, wissen ja, welch guter Trainer der Weihnachtsmann ist, denn sie haben ihm ja schon viele Jahre beim Rentiertraining zugesehen. Sofort gehen sie zum Trainingsplatz und die erste Übungsstunde beginnt. Der Weihnachtsmann erklärt ihnen, wie sie ihre Hunde ans Zuggeschirr gewöhnen. Wichtel und Hunde haben viel Spaß miteinander und schon bald ziehen die Hunde die kleinen Trainingsschlitten. Zeit für die nächsten Lektionen. Mit viel Geduld erklärt der Weihnachtsmann, wie Wolkenhuskys lernen und zeigt den Wichteln den richtigen und tierschutzkonformen Umgang mit den Hunden. Alle – Hunde, Wichtel und Weihnachtsmann – sind mit viel Freude und Begeisterung bei der Sache, um das gesetzte Ziel rechtzeitig zu erreichen. So bemerken sie nicht, dass sie während des Trainings beobachtet werden.

Gerade, als der Weihnachtsmann den Wichteln zeigen will, wie sie die Hunde vor den großen blauen Übungsschlitten spannen können, tritt ein grau gekleideter Mann hinter einem Baum hervor und gebietet ihnen lauthals Einhalt. Der Graue stellt sich als Mitarbeiter des Veterinäramts Himmelpforten vor und erklärt, dass seit dem 01.08.2014 niemand mehr ohne Erlaubnis des Veterinäramts Hunde für Dritte ausbilden oder die Ausbildung der Hunde durch den Tierhalter anleiten darf. Dies sei so geregelt im Tierschutzgesetz § 11Abs. 1 Satz 1 Nr. 8 Buchstabe f.

Nun möchte der Graue wissen, ob der Weihnachtsmann denn die Erlaubnis habe, die Wichtel anzuleiten, ihre Hunde für die Fahrt mit dem großen Weihnachtsschlitten auszubilden. „Nein“, sagt der Weihnachtsmann, „aber ich bilde schon seit vielen tausend Jahren meine Rentiere aus, diese Arbeit zu tun“.

Das mag ja sein, erwidert der Graue, aber das würde nicht bedeuten, dass er dies auch richtig tun würde. Er müsse jetzt prüfen, ob der Weihnachtsmann über die erforderliche Sachkunde für diese verantwortungsvolle Tätigkeit verfüge und fordere den Weihnachtsmann auf, ihm entsprechende Nachweise vorzulegen. Umgehend holt der Weihnachtsmann nun eine Bestätigung seines Ausbildungsinstituts, seinen Schlittenführerschein, den Nachweis über ein erfolgreich abgeschlossenes Fahrsicherheitstraining und andere Fort- und Weiterbildungen. Er holt auch die zahlreichen Briefe von vielen tausend Kindern aus vielen tausend Berufsjahren, die belegen, dass er alle Kinderwünsche pünktlich und gemäß Wunschliste erfüllt hat. All das legt er dem Grauen vor.

„Alles schön und gut“, sagt der Graue. „Ich habe überhaupt keinen Zweifel hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit, aber als Nachweis der Sachkunde reichen mir diese Zertifikate nicht. Die Erlaubnis kann ich nur erteilen, wenn sie mir ein Zertifikat der obersten Himmelhundekammer vorlegen“.

Nur diese Prüfung würde bestätigen, dass er sachkundig sei und zur Erlaubnis führen. Er, der Weihnachtsmann müsse umgehend die Prüfung ablegen, sonst sähe sich der Graue gezwungen, ihm den Betrieb der Schlittenzugschule zu untersagen.

„WAS“, ruft der Weihnachtsmann, ist entsetzt als er von den Kosten für Bücher, Vorbereitungskursen und Prüfung erfährt. „Nein“ sagt er. „Diese Prüfung mache ich nicht. Ich weiß und habe gezeigt, dass ich ausbilden kann und ich habe bereits eine Ausbildung und auch Prüfungen bestanden“. Das sehen die Wichtel auch so und zeigen dem Grauen, wieviel sie und die Hunde in den Übungsstunden beim Weihnachtsmann gelernt haben. Die Hunde könnten rechtzeitig zum Heiligen Abend den großen roten Schlitten ziehen, sagen sie, und sie, die Wichtel, würden mit dem Weihnachtsmann fahren und helfen, alle Geschenke auszuliefern.

„Nein“, sagt der Graue, das ginge so nicht. Wenn der Weihnachtsmann sich weigert die Prüfung zu machen, würde er ihm jetzt und hier verbieten, weiter tätig zu sein. Schnell zieht er mehrere Schlösser aus einer großen Tasche hervor und befestigt Wegfahrsperren an allen Schlitten. Zum Schluss überreicht er dem Weihnachtsmann einen Bescheid, auf dem steht, dass dieser ab sofort nicht mehr tätig sein darf. Ohne ein weiteres Wort verschwindet der Graue wieder hinter dem Baum.

Der Weihnachtsmann setzt sich in den Schnee, die Wichtel lassen sich neben ihre Hunde fallen. Keiner kann glauben, was da gerade geschehen ist. Es lief doch alles so gut, alles hätte noch rechtzeitig zum Fest geklappt.

„Und nun“, fragen die Wichtel. „Was ist denn jetzt mit Weihnachten?“

„Ich rufe jetzt erst einmal den Osterhasen an und bitte ihn um Hilfe“, sagt der Weihnachtsmann. „Bis auf weiteres schicke ich die Geschenke mit der Post“.

Weihnachten fällt niemals aus!

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